Sonntag, 15. Juli 2012

Hochfrequenz-Handel: Die unsichtbare Handelsmacht


HochfrequenzhandelDie unsichtbare Handelsmacht

06.07.2012 ·  Der Hochfrequenzhandel ist als neues Übel am Finanzmarkt ausgemacht. Mit neuen Regeln und Steuern will die Politik die Computer zähmen, die innerhalb von Millisekunden Aktien kaufen und verkaufen. Was das für Frankfurt heißt, ist schwer zu sagen. Eine Spurensuche
Von TIM KANNING, FRANKFURT 


Ein Vertreter der großen Frankfurter Fondsgesellschaften gerät richtig in Rage, wenn er auf die Hochfrequenzhändler angesprochen wird. So überflüssig wie ein Loch im Kopf sind seiner Ansicht nach diese Börsenteilnehmer, die mit Hilfe von ausgefeilten Computerprogrammen innerhalb von Sekundenbruchteilen Aktien kaufen und verkaufen, auf winzigste Preisänderungen reagieren und so langfristig orientierten Investoren - Fondsgesellschaften wie DWS, Deka oder Union Investment etwa - einen Teil der Renditen abknöpften. Oft stellen diese Blitzhandelscomputer auch nur für einige Millisekunden Angebote in den Markt, ohne wirklich verkaufen zu wollen, nur um zu schauen, wie groß die Nachfrage gerade ist. Links blinken, rechts abbiegen - nichts anderes seien solche Handelsstrategien, findet der Frankfurter, der aber nicht namentlich zitiert werden will.
Der Hochfrequenzhandel steht unter Beschuss. Die Computer, die aufgrund bestimmter Algorithmen blitzschnell auf Preisveränderungen reagieren und so aus vielen kleinen Gewinnen große Profite anhäufen, machen inzwischen knapp die Hälfte des Handels auf den Plattformen der Deutschen Börse aus. Auch deutsche Politiker haben diese Händler nun ins Visier genommen. Denn spätestens seit dem „Flashcrash“ vom Mai 2010 werden die Handelscomputer als Gefahr wahrgenommen. Innerhalb weniger Minuten stürzte der Dow-Jones-Index an der New Yorker Börse damals um mehr als 1.000 Punkte ab - vermutlich, weil sich viele der Computer, die vorher munter untereinander gehandelt hatten, auf einmal aus dem Markt zurückzogen. Das Bundesfinanzministerium hat Ende Mai einen Gesetzentwurf vorgelegt, der diese Art von Handel in seine Schranken weisen soll.

„In dieser Welt ist der Bürostandort völlig irrelevant“

Zeit für eine Spurensuche am Finanzplatz Frankfurt. Wer so viel Handelsmacht aufs Parkett bringt, muss schließlich irgendwo sitzen, der müsste doch auch in der realen Welt eine Bedeutung haben. Doch die Suche läuft schnell ins Leere. Hochfrequenzhändler, das sind Unternehmen wie die International Algorithmic Trading GmbH. Das Unternehmen sitzt in Oststeinbek bei Hamburg und ist das einzige deutsche Mitglied im europäischen Branchenverband EPTA. Die übrigen sitzen vor allem in London und Amsterdam. 50 Mitarbeiter hat das Unternehmen laut seiner Internetseite, für Presseanfragen ist man eher nicht zu haben. Nur so viel ist in Oststeinbek zu erfahren: In Frankfurt steht nur ein Rechner, direkt im Rechenzentrum der Börse, Menschen arbeiten dort nicht.
„In dieser Welt ist der Bürostandort völlig irrelevant“, sagt Peter Gomber, Experte für Börsenhandel an der Goethe-Universität, „die können in London, Amsterdam oder Hamburg sitzen und ihre Rechner an jedem Börsenstandort aufstellen.“ Öffentlich verfügbare Marktdaten gebe es kaum, Informationen zum Hochfrequenzhandel beruhten meist auf Schätzungen.

Es bleibt ein lohnendes Geschäft für den Marktbetreiber

Die Deutsche Börse, bei der die Handelsteilnehmer sich anmelden müssen, gibt nicht allzu viel über ihre Kunden preis. Ein Sprecher verweist darauf, dass nicht so genau definiert sei, wo Hochfrequenzhandel anfange. Sicher ist nur, dass die Händler ihre Rechner direkt im Rechenzentrum der Deutschen Börse in Frankfurt aufgestellt haben, so dass der Weg vom eigenen Rechner zu dem der Börse auch ja kein Millisekündchen zu lange dauert. Das machen allerdings auch Banken und Handelshäuser, die nicht auf Hochfrequenz getaktet sind. Und zwar immer mehr: Hatten 2010 noch 130 Handelshäuser ihre Rechner direkt bei der Börse stehen, in Colocation, wie der Fachbegriff heißt, so waren es 2011 schon 141.
Ein lohnendes Geschäft für den Marktbetreiber. Die Londoner Börse versteigert sogar noch innerhalb ihres Rechenzentrums die besten Plätze - bei der Deutschen Börse in Frankfurt hat jeder, der einmal im Gebäude drin ist, den gleichen Übertragungsweg. Zwischen der Auftragsstellung eines solchen Rechners und der Eingangsbestätigung durch den Börsen-Rechner vergeht nach Angaben der Deutschen Börse eine viertel Millisekunde. Doch wer diese Rechner für den Hochgeschwindigkeitshandel programmiert, verrät die Börse nicht.

Andere Marktplätze könnten ein weiteres Spielfeld sein

Zu den neuen Vorschriften, die das Finanzministerium plant, zählt eine Registrierungspflicht für die Händler bei der Wertpapieraufsicht Bafin. Da sie auf eigene Rechnung handeln, müssen sie sich bislang noch nicht anmelden. Auch dass sie die Algorithmen, nach denen ihre Computer arbeiten, bei der Bafin hinterlegen müssen, ist im Gespräch. Hinzu kommen Ideen wie eine Mindesthaltedauer von Aufträgen, damit die Maschinen, anders als bisher, nicht mehr für wenige Millisekunden Aufträge einstellen können, ohne sie dann auszuführen, nur um die Marktlage zu testen. Auch die geplante Finanztransaktionssteuer dürfte vor allem für die Hochfrequenzhändler viele Geschäfte unrentabel machen.
Handelsexperte Gomber lobt zumindest einen Teil der angedachten Regeln. Dass sich die Händler bei der Bafin registrieren sollen, findet er „auf jeden Fall sinnvoll“. Michael Grote, Vizepräsident der Frankfurt School of Finance, glaubt, dass die geplanten Regeln vor allem die Umsätze auf den Plattformen der Deutschen Börse schmälern dürften, der Handel mit manchen Finanzprodukten könnte auf andere Marktplätze wandern.

„Wir sind der Meinung, dass Hochfrequenzhandel beherrschbar ist“

Die positiven Effekte des Hochfrequenzhandels könnten damit auch verlorengehen, zum Beispiel der, dass auch normale Händler durch das ständige Kaufen und Verkaufen der Computer meistens schnell ein Gegenüber finden, wenn sie Geschäfte machen wollen - die Märkte sind liquide. Außerdem handeln auch viele Banken mit Computeralgorithmen, ohne eine Gefahr für den Handel darzustellen. Vom natürlichen Fortschritt der Technik spricht Frank Gerstenschläger gern, der im Vorstand der Deutschen Börse für die Frankfurter Wertpapierbörse zuständig ist.
Die Eschborner versuchen auf eigene Faust, die Hochfrequenzhändler zu zähmen - nicht zuletzt, weil der Deutschen Börse eine Menge Geschäft verlorengehen könnte, wenn die Blitzhändler durch allzu rigide Gesetze und Beschränkungen vergrault würden. Im März führte der Marktbetreiber eine Art Strafgebühr ein, die anfällt, wenn die Computerprogramme zu oft Angebote in den Markt stellen, ohne danach einen Handel abzuschließen. Gerstenschläger versuchte kürzlich während einer Tagung zu beruhigen: „Wir sind der Meinung, dass Hochfrequenzhandel beherrschbar ist und von unseren Systemen auch beherrscht wird.“
Quelle: F.A.Z. 

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